Warum Schüchternheit und Introversion nicht das gleiche ist

Heute erzähle ich mal ein bisschen was über die Begriffe „Schüchternheit“ und „Introversion“ und was die Unterschiede sind. Denn diese beiden Begriffe werden sehr gerne in einen Topf geworfen. Leute sagen oft zu anderen „Du bist ja so introvertiert“, wenn sie eigentlich schüchtern meinen. Teilweise sagen die Leute das auch über sich selbst. Und ja, zugegeben, oft tritt auch beides zusammen auf. Aber das ist eben nicht immer so und mir persönlich ist es wichtig, das voneinander abzugrenzen, denn ich bin introvertiert, aber nicht unbedingt schüchtern. Aber gucken wir uns erst einmal allgemein an, was mit den beiden Begriffen jeweils gemeint ist.

Für den Artikel gilt eine leichte CN für Mobbing, da es am Rande (nicht detailliert) angesprochen wird.

Was ist eigentlich Schüchternheit?

Grob lässt sich sagen, dass Schüchternheit die Unsicherheit beim Kennenlernen neuer Menschen und beim Knüpfen von zwischenmenschlichen Beziehungen ist. Diese Unsicherheit kann ihre Ursachen in schlechten Erfahrungen haben, muss sie aber nicht. Viele Menschen sind auch einfach von Natur aus schüchtern, weil sie ein entsprechendes Naturell haben, das angeboren ist. Hirnforscher haben herausgefunden, dass das Gehirn von schüchternen Menschen auf Abbildungen von Gesichtern bei bestimmten Ausdrücken anders reagiert als bei Menschen, die nicht schüchtern sind. Schon Kinder sind oft entweder schüchtern oder sie sind es nicht. Es gibt Kinder, die sofort offen auf jede*n zu rennen, Gespräche anfangen und leicht Freundschaften schließen und es gibt solche, die sich lieber erst einmal zurückhalten, beobachten und neue Kontakte eher langsam angehen lassen. Bei Heranwachsenden und Erwachsenen ist es das gleiche. Auch dort gibt es diese beiden unterschiedlichen Ausprägungen – und natürlich auch alles dazwischen, denn nicht jede*r ist gleich schüchtern.

Wichtig: Schüchternheit ist keine Krankheit. Auch wenn es manchmal gewisse Nachteile hat, schüchtern zu sein (weniger schüchterne Menschen finden meistens leichter/schneller Anschluss und auch in bestimmten Berufen kann es von Vorteil sein, weniger schüchtern zu sein sowie auch bei Gruppenarbeiten in der Schule), ist es erst einmal nichts Schlechtes. Viele schüchterne Personen kommen gut mit ihrer Schüchternheit klar. Schüchternheit ist einfach Ausdruck eines bestimmten Temperaments bzw. Naturells und es ist vollkommen normal.

Problematisch wird es erst, wenn ein Leidensdruck entsteht, wenn die Ängste z. B. so extrem sind, dass man eine Phobie entwickelt, z. B. bei einer sozialen Phobie. Aber, wichtig: Nicht jeder schüchterne Mensch hat eine soziale Phobie!

Die Abgrenzung vom einen zum anderen ist aber auch nicht immer ganz einfach, also wo Schüchternheit aufhört und wo eine soziale Phobie anfängt. Ein starker Leidensdruck kann wie gesagt Zeichen einer sozialen Phobie sein. Im Zweifelsfall sollte ein*e Psychotherapeut*in zu Rate gezogen werden. Hier geht es nur um einen Überblick und ich bin keine Therapeutin, daher gehe ich darauf an dieser Stelle nicht weiter ein.  

Und was ist Introversion?

Auch introvertierte Menschen werden oft, ähnlich wie Schüchterne, als ruhig oder zurückhaltend beschrieben. Es handelt sich auch hierbei um eine vermutlich angeborene Persönlichkeitseigenschaft. Wichtig ist hierbei jedoch, dass Introversion und Schüchternheit eben nicht das gleiche sind.

Man unterscheidet zwischen Introversion und Extraversion. Ausschlaggebend ist bei der Unterscheidung die Frage, woher die jeweilige Person ihre Energie zieht: Während Introvertierte ihre Energie aus sich selbst ziehen, ziehen extrovertierte Personen ihre Energie aus dem Zusammensein mit anderen Menschen. Konkret bedeutet das: Introvertierte Personen fühlen sich, wenn sie nicht genug Zeit für sich selbst haben, meistens schnell ausgelaugt und die „Akkus“ sind leer, weil sie in (großen) Gruppen nicht aufgeladen werden können.

Auch hier lässt sich sagen, dass es sich nicht um eine heterogene Gruppe handelt, das heißt, nicht alle Intro- oder Extravertierten sind gleich. Manche Introvertierte gehen z. B. gerne auf Partys, solange es nicht zu viel wird, wenn sie sich hinterher ausruhen können. Andere meiden große Partys vielleicht sogar ganz, weil sie es als (zu) stressig empfinden, wenn es laut und voll ist.

Es ist auch nicht unbedingt so, dass Introvertierte die Gesellschaft anderer Menschen nicht genießen. Es gibt Introvertierte, denen es schon hilft, wenn sie immer die gleichen 1-2 Leute um sich haben und deren Nähe sie nicht als energieabsaugend empfinden.

Wichtig ist hier: Auch wenn eine introvertierte Person viel Zeit für sich (oder mit den gleichen 1-2 Leuten) braucht, um Energie zu tanken, heißt das nicht, dass sie keinen großen Freundeskreis haben kann. Es heißt auch nicht, dass sie nicht unbedingt Menschen mag oder nicht trotzdem die Nähe zu Freund*innen sucht. Es heißt lediglich, dass die Person, statt jeden Tag eine große Aktivität mit Freund*innen zu planen, vielleicht auch gerne mal einen Tag oder Abend mehr alleine einplant, um die Akkus dann auch wieder aufzuladen. Introvertiert zu sein, heißt nicht, dass man keinen Spaß daran hat, Zeit mit anderen Menschen zu verbringen. Es bezieht sich wirklich nur darauf, wie man am besten Energie tankt – ob allein (introvertiert) oder durch andere (extrovertiert).

Und was genau ist da nun der Unterschied?  

Auf den Punkt gebracht würde ich sagen: Schüchternheit setzt früher an. Schüchternheit ist meistens eher relevant, wenn man jemanden kennenlernt (auch wenn man natürlich auch Menschen gegenüber schüchtern sein kann, die man bereits kennt), Introversion bezieht sich wie gesagt nur darauf, wie man Energie tankt.

Denn das Wichtigste ist: Man ist nicht zwingend beides. Introversion und Schüchternheit oder Extraversion und Nicht-Schüchternheit fallen nicht selten zusammen, das stimmt. Es MUSS aber nicht unbedingt so sein. Es gibt schüchterne Extravertierte und genauso gibt es auch Introvertierte, die eben nicht schüchtern sind.

Schüchterne Extravertierte haben z. B. oft das Problem, dass sie sich extrem danach sehnen, viel Zeit mit anderen Menschen zu verbringen, weil sie das für ihre Auslastung und ihren Energiehaushalt eigentlich dringend benötigen – oft fällt es ihnen aber durch ihre Schüchternheit schwer, die Kontakte zu knüpfen, die sie brauchen, weil sie z. B. nicht (gut) in der Lage sind, fremde Leute anzusprechen.

Währenddessen erleben nicht-schüchterne Introvertierte es oft, dass ihnen nicht abgenommen wird, dass sie introvertiert sind und (auch) viel Zeit für sich brauchen und bekommen gesagt „du bist doch aber eigentlich gar nicht schüchtern“. Aber es ist eben wie gesagt auch ein Unterschied.

Persönliches zum Abschluss

Ich kann da nun zum Abschluss nochmal von mir persönlich reden: Ich gehöre zu der Gruppe von Menschen, die introvertiert, aber nicht wirklich schüchtern sind. Früher war ich (sehr) schüchtern und habe kaum die Zähne auseinandergekriegt in der Gegenwart anderer Leute. In meinem Fall (und ich sage betont in MEINEM Fall, denn Schüchternheit ist oft wie gesagt angeboren und es ist anders, als es bei mir war) war die Schüchternheit aber vor allem aufgrund von Mobbingerfahrungen aufgetreten. Wenn ich mich nämlich daran erinnere, wie ich als Kind war, kann ich sagen, dass ich definitiv nicht schüchtern war. Ich habe die Freund*innen und Bekannten meiner Eltern – zu deren Leidwesen – oft vollgequatscht und wollte unbedingt mit allen anderen Kindern spielen und sie kennenlernen. Das hat sich durch Mobbing in der Spielstunde (Kindergarten gab es damals bei uns noch nicht) und Grundschule geändert, so dass ich auf der weiterführenden Schule schüchtern war und mich nicht getraut habe, mich Gruppen anzuschließen etc. Als ich bei Sprachkursen im Ausland während des Studiums wieder bessere Erfahrungen gemacht habe und generell mehr positive Kontakte geknüpft habe, ist das wieder vorbei gegangen. Heute bin ich in bestimmten Situationen manchmal am Anfang ein bisschen vorsichtig und vielleicht auch schüchtern, aber eben nicht mehr so richtig.

Introvertiert war ich jedoch immer durchgehend. Auch wenn ich als Kind viel und gerne mit anderen gespielt habe, konnte ich mich auch super alleine beschäftigen und habe es sehr genossen, meine Geschichten auf Kassette aufzunehmen oder irgendwelche anderen Dinge alleine zu machen.

Auch heute ist es so, dass ich gerne Zeit mit meinen Freund*innen verbringe, aber es ist eben nicht sehr entspannend für mich. Es kostet mich Energie. Ich habe mittlerweile ein paar Leute, bei denen es mich nicht so viel Energie kostet, aber grundsätzlich bin ich schon noch sehr introvertiert. Das heißt nicht, dass ich keinen Spaß daran habe, Zeit mit ihnen zu verbringen und ich stoße selbst auch gerne Treffen an etc. – aber ich freue mich dann auch, den Abend drauf auf der Couch verbringen zu können, mit einem Buch, Musik oder einem Videospiel.

Ich hoffe, ich konnte den Unterschied damit einigermaßen deutlich machen – vielleicht hat es ja jemandem geholfen 🙂

Ergänzung von Jade

Der ursprüngliche Gedanke meiner Beteiligung an diesem Beitrag war, noch eine extravertierte Sichtweise mit hineinzunehmen, weil viele Kriterien von Extraversion auf mich zutreffen. Dass ich jetzt auf einmal von Kriterien spreche und nicht mehr davon, es zu sein, liegt daran, dass mich das Beschäftigen mit diesem Thema auf Dinge gebracht hat, die mir vorher nicht so bewusst gewesen sind.

Ich hätte angenommen, bei so gut wie allen genannten Punkten zum Thema Introversion eine ziemlich gegenteilige Position einnehmen zu können, nachdem ich mich anders wahrgenommen habe – und auch teilweise anders wahrgenommen werde – konnte ich aber nicht. Genauso wenig bei Ausführungen anderer Bloggenden, die sich mit dem Thema Introversion befassen. Da war nämlich auf einmal viel mehr “oh, das kenne ich in ähnlicher Ausführung” als “das ist aber ganz anders bei mir”. Letzteres gibt es auch, aber eben nicht so uneingeschränkt deutlich, wie ich erwartet hätte.

Das hat mich in eine kleine Sinnkrise gestürzt, denn seitdem habe ich das Gefühl, überhaupt nicht mehr sagen zu können, was ich eigentlich bin (und das wiederum wirft generelle Labelfragen auf, die hier vermutlich zu weit führen). Jedenfalls habe ich mir seitdem einige Gedanken darum gemacht und bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich mich, wenn ich es benennen müsste, wohl irgendwo zwischen Ambiversion und Extraversion einordnen würde.

Ambiversion beschreibt kurz gesagt eine Mittelfeldkategorie, in der sich Menschen einsortieren, die weder in das eine, noch das andere Extrem fallen. Manchen Meinungen zufolge ist der Großteil der Menschen in diesem Feld zu finden, da es Reinformen kaum zu finden gibt.

Ich denke, ich fühle mich in dieser Kategorie mit Tendenz zur Extraversion aktuell am wohlsten und sie spiegelt am besten wieder, wo ich mich befinde. Schaut man sich z.B. meine Wochenendgestaltung unter normalen Umständen/Bedingungen an, würde mich wohl jede*r als extravertiert wahrnehmen. Meine Zeit- und Ressourcenplanung unter der Woche sieht hingegen wieder ganz anders aus und da muss der Grund, abgesehen von Arbeit und zu erledigenden Dingen noch mal aus dem Haus zu gehen, echt gut (und möglichst einfach realisierbar) sein. Auf so viel weniger Zeit für mich als introvertierte Personen komme ich unterm Strich also vermutlich nicht, sondern teile sie eher anders ein, so dass ich mich am Wochenende nur selten von etwas erholen muss und dann auch Energie aus Kontakten und Aktivitäten ziehe. (Wenn ich so zurückdenke, hat dieses Modell schon immer irgendwie in der Form bestanden, als Teenie wollte ich schon ab den frühen Abendstunden dann meine Ruhe haben, wenn es am nächsten Tag wieder in die Schule ging, während am Wochenende nicht genug passieren konnte.)

Als schüchtern würde ich mich durchaus bezeichnen. Wenn ich mich nicht in Gefilden/Umfeldern bewege, in denen ich mich sicher fühle, bin ich doch zurückhaltend, was Kommunikation/Interaktion mit anderen Menschen anbelangt. Und ich brauche auch eine ganze Weile, um bei sowas aufzutauen und z.B. mehr von mir zu erzählen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das abschreckend wirkt, aber das richtig zu dosieren ist schwierig, denn zu viel aus sich herauszukommen mögen manche auch nicht unbedingt gern.

Wenn ich mich in einem für mich sicheren Rahmen befinde, habe ich mit neuen Leuten, die hinzukommen, weniger ein Problem und dann wirke ich vermutlich auch alles andere als schüchtern. So ein bisschen kommt es also auch bei dem Thema auf Umstände und Tagesform an und je nach Bedingung nehmen andere mich vermutlich sehr unterschiedlich wahr.

(Zusätzlich schwierig finde ich in dem Zusammenhang die Abgrenzung zwischen Schüchternheit und sozialer Ängste, denn der Übergang erscheint mir fließend und vielleicht würde eine andere Person das anders benennen als ich. Ich bin mir selbst noch nicht ganz sicher, wo die Trennlinie zu ziehen ist.)

Abschließend bleibt mir zu sagen, dass die richtigen Begrifflichkeiten zu finden gar nicht so einfach ist und sich bei diesem Themenkomplex – wie bei vielen anderen auch – zumindest für mich gut gezeigt hat, dass es nicht immer das eine oder das andere gibt, sondern die Wahrheit irgendwo dazwischenliegt.

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